Home arrow Minderheiten in Österreich arrow Lesben/Schwule/Trans...
 
     
Lesben/Schwule/Transgender PDF  | Drucken |

 Texte

 

Ein Mosaik nimmt Gestalt an
Kurt Krickler


„Schon wieder ein ‚Europäisches Jahr‘!“ werden viele seufzen, wenn sie hören, dass die Europäische Union 2007 zum „Europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle“ ausgerufen hat. Wobei: Nicht-InsiderInnen haben davon ohnehin noch nichts bemerkt, wiewohl bereits zwei Monate des Jahres verstrichen sind; denn auch in Österreich sind die Aktivitäten dazu noch in Vorbereitung und laufen erst an. Oft passiert es ja bei diesen Themenjahren, dass – kaum ist die Sache endlich in Schwung gekommen – das Jahr auch schon wieder um ist. Wodurch die Anliegen zu verpuffen drohen, noch ehe sie richtig unters Volk gebracht worden sind, zumal schon das nächste Jahr unter einer neuen, nicht minder wichtigen Devise dräut.

Skepsis in Bezug auf die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit solch jährlich wechselnder Schwerpunktsetzung scheint daher durchaus angezeigt. Kann die Bevölkerung tatsächlich auf diese Art und Weise für ein – zweifellos – wichtiges Thema sensibilisiert und für ein bedeutsames Anliegen positiv beeinflusst werden? Das hängt wohl von vielen Faktoren ab. Einer davon ist sicherlich, wie „sexy“ ein Thema ist – wer erinnert sich noch ans „Europäische Jahr der Sprachen“ (2001) oder gar ans „Europäische Jahr des jungen Kraftfahrers“ (1995)? Weitere Faktoren sind natürlich der Mitteleinsatz und wie engagiert die verschiedenen Akteure – Politik, Behörden, Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen, Medien usw. – an der Propagierung mitwirken und wie breit die Basis ist, auf der sie zusammenarbeiten.


Fortführung europäischer Initiativen
Für kleine bzw. vergleichsweise ressourcenarme NGOs, wie etwa die Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien, in der sich alle AktivistInnen nach wie vor ausschließlich ehrenamtlich engagieren, stellt sich ohnehin jedes Mal sofort die Prioritätenfrage: Haben wir überhaupt die Kapazitäten, uns wirksam einzubringen? Zahlt es sich überhaupt aus? Oder können wir unsere begrenzten Ressourcen in anderen Projekten und Aktionen nicht viel effektiver und sinnvoller einsetzen?

Was das aktuelle Jahr betrifft, ist insofern mehr Optimismus angebracht, als es in gewisser Weise auf eine Reihe von früheren Themenjahren und auch sonstigen europäischen Initiativen und Projekten aufbauen kann und diese weiterführt, was Synergien über die Jahre hinweg schafft und damit einen nachhaltigeren Effekt erzeugt. Immerhin ist jetzt sechs Jahre lang das Aktionsprogramm der EU zur Bekämpfung von Diskriminierung (2001-06) gelaufen, in dessen Rahmen neben der mehrjährigen EU-weiten Kampagne „Für Vielfalt. Gegen Diskriminierung“ auch viele und vielfältige Aktivitäten sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene durchgeführt worden sind.

Dieses Aktionsprogramm geht bekanntlich auf Artikel 13 des 1999 in Kraft getretenen Vertrags von Amsterdam zurück, durch den der EU erst die Kompetenz übertragen wurde, „Diskriminierungen aus Gründen des Geschlechts, der Rasse, der ethnischen Herkunft, der Religion oder der Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung zu bekämpfen“. Auf Basis dieses Artikels 13 EG-Vertrag hat die EU zwei Antidiskriminierungsrichtlinien erlassen, die von allen 27 Mitgliedsstaaten in nationales Recht umgesetzt werden mussten. Für Lesben und Schwule stellt eine davon, die Richtlinie 2000/78/EG „zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf“, überhaupt die wichtigste rechtliche Einzelmaßnahme weltweit in der Geschichte dar, denn sie führte dazu, dass jetzt in 27 Staaten Europas ein Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung in der Arbeitswelt besteht.

Das diesjährige „Jahr der Chancengleichheit für alle“ steht auch in einer Reihe von thematisch ähnlich gelagerten Jahren, die 1993 mit dem „Europäischen Jahr der älteren Menschen“ begann, 1997 mit dem „Europäischen Jahr gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, 1999 mit dem „Europäischen Jahr zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen“ und 2003 mit dem „Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen“ fortgeführt wurde – und auch 2008 wird es mit dem „Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs“ thematisch verwandt weitergehen. Und vielleicht wird es ja irgendwann auch einmal ein „Europäisches Jahr gegen Homophobie“ geben, wie es die europäische Lesben- und Schwulenbewegung bereits vorgeschlagen hat. Aber das ist wohl nicht so leicht durchsetzbar und eher Zukunftsmusik. Aber wer weiß – vielleicht 2020?


Drei Zielvorgaben, vier Schlüsselthemen
Weiters berührt das Jahr der Chancengleichheit gesellschaftspolitische Bereiche und Aspekte, die seit einigen Jahren intensiv diskutiert werden und ganz oben auf der Tagesordnung auch vieler NGOs stehen, wie etwa „Diversity Management“ in den Betrieben oder die „gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (GVU)“ – besser bekannt auch als „Corporate Social Responsibility (CSR)“.

Daher wird auch für die Lesben- und Schwulenbewegung, die schon seit langem zu vielen der genannten Themen gearbeitet hat und in viele dieser Aktivitäten involviert gewesen ist, die Herausforderung des Jahres der Chancengleichheit in erster Linie darin bestehen, an die bisher geleistete Arbeit und all die Initiativen und Projekte anzuknüpfen, auf den bisher errichteten Fundamenten weiterzubauen, Räder-Neuerfindungen tunlichst zu vermeiden und jede sich bietende neue Chance zu nützen, um weiter für die umfassende Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Menschen zu arbeiten.

In diesem Sinn kann sich die Lesben- und Schwulenbewegung auch relativ problemlos in die drei für das Jahr der Chancengleichheit formulierten Zielvorgaben einklinken, die da sind: 1. Den Menschen ihre Rechte auf Gleichbehandlung und ein Leben ohne Diskriminierung deutlicher bewusst zu machen, 2. Chancengleichheit für alle zu fördern und 3. eine breitere Debatte über den Nutzen von Vielfalt sowohl für Europas Gesellschaft als auch für jede und jeden einzelne/n einzuleiten.

Die Aktivitäten im Rahmen des Jahres sollen sich um vier Schlüsselthemen drehen, die mit folgenden Schlagwörtern zusammengefasst und aufgrund des Anfangsbuchstabens im Englischen plakativ als die „vier R“ bezeichnet werden: Rights (Rechte), Representation (Vertretung), Recognition (Anerkennung) und Respect (Achtung):

Damit ist im einzelnen gemeint:
Rechte: Sensibilisierung der öffentlichen Meinung im Hinblick auf das Recht auf Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung sowie auf die Problematik der Mehrfachdiskriminierungen;
Vertretung: Anreize zu einer Debatte über die Möglichkeiten zur besseren gesellschaftlichen Einbindung von Gruppen mit Diskriminierungsopfern sowie zu einer ausgewogeneren Beteiligung von Frauen und Männern;
Anerkennung: Erleichterung und Würdigung von Vielfalt und Gleichbehandlung;
Achtung: Förderung einer toleranteren und solidarischeren Gesellschaft.


Drei Ziele für ILGA-Europa
In Anlehnung an diese „offiziellen“ Vorgaben der EU-Kommission hat ILGA-Europa, der Europäische Regionalverband der International Gay and Lesbian Association, drei konkrete Ziele formuliert, die die europäische Lesben- und Schwulenbewegung bis zum Ende des heurigen Jahres am liebsten verwirklicht sehen möchte:

1. Ausbau des Diskriminierungsschutzes: Mit ihren beiden vorhin genannten Antidiskriminierungsrichtlinien hat die EU nämlich selbst unterschiedliche und damit diskriminierende Schutzniveaus für die einzelnen von Diskriminierung betroffenen Gruppen geschaffen. So sind Personen außerhalb der Arbeitswelt nur vor Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit geschützt, etwa in Bereichen wie Sozialschutz, soziale Vergünstigungen, Bildung und Zugang zu und Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen, einschließlich Wohnraum. Die meisten Mitgliedsstaaten haben diese Hierarchie beim Schutz vor Diskriminierung bei der Umsetzung der Richtlinien in nationales Recht beibehalten – leider auch Österreich.

Heuer bietet sich die Chance, diese Hierarchie zu beseitigen, da bis zum 21. Dezember 2007 auch die Richtlinie 2004/113/EG „zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Männern und Frauen beim Zugang zu und bei der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen“ in nationales Recht umgesetzt werden muss. Das wäre die Gelegenheit, durch ein umfassendes Antidiskriminierungsgesetz einen einheitlichen Schutz für alle Menschen und Gruppen zu schaffen, wie es ohnehin aufgrund der Verfassung und der Menschenrechtskonventionen erforderlich wäre.

2. Anerkennung von in einem EU-Staat geschlossenen gleichgeschlechtlichen Ehen und Eingetragenen Partnerschaften in und durch alle anderen Mitgliedsstaaten: Die EU-Richtlinie 2004/38/EG „über das Recht der Unionsbürger und ihrer Familienangehörigen, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten“, die am 30. April 2006 EWR-weit Gültigkeit erlangte, ist hier leider nur ein halbherziger erster Schritt in diese Richtung. Und für Österreich heißt es natürlich zuerst einmal, gleichgeschlechtliche Partnerschaften überhaupt gesetzlich anzuerkennen und rechtlich der Ehe gleichzustellen. Es ist zwar unrealistisch, dies für 2007 zu erwarten, aber auf ein oder zwei Jahre soll es nicht ankommen!

3. Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen: Hier gilt es, deren Ausgrenzung zu überwinden und sie in Aktivitäten und auch in Entscheidungsprozesse sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene einzubinden. In diesem Zusammenhang geht es nicht zuletzt darum, die verstärkte Sichtbarkeit der Betroffenen auch sicher lebbar zu machen. Das heißt, für ein sicheres Umfeld ist zu sorgen, in dem ein Coming-out und Sichtbarkeit ohne negative Konsequenzen möglich sind – und zwar in allen Lebensbereichen – wie Arbeitsplatz, Schule, Familie, auf der Straße, kurzum in allen Lebenslagen, im gesellschaftlichen Leben und überall im Alltag.

Natürlich ist gerade dieser dritte Punkt ein ehrgeiziges Ziel, mit dessen Verwirklichung innerhalb eines Jahres nicht zu rechnen ist, aber es geht ja auch darum, Utopien in den Raum zu stellen, um ein deutliches Signal auszusenden, dass man diesen Ansatz und Anspruch tatsächlich mittel- bis langfristig verfolgt.

Dass hier in den meisten Ländern Europas noch sehr viel zu tun ist, zeigen nicht zuletzt die rechtzeitig zum Auftakt des Jahres der Chancengleichheit veröffentlichten Ergebnisse der Eurobarometer-Umfrage zur Diskriminierung aufgrund der verschiedenen Merkmale in den Mitgliedsstaaten. Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung wird laut dieser europaweiten Umfrage nach Diskriminierung aufgrund ethnischer Zugehörigkeit und aufgrund einer Behinderung als am weitverbreitetsten angesehen. Es ist also klar, dass die Arbeit auch nach dem 31. Dezember 2007 weitergehen muss – wie sehr man auch die Chancen des Jahres der Chancengleichheit nützen wird können …


Informationen im Web:
http://equality2007.europa.eu
http://ec.europa.eu/public_opinion
www.ilga-europe.org
www.chancen-gleichheit.at
www.klagsverband.at
www.hosiwien.at


Kurt Krickler ist Generalsekretär der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien und Ehrenvizepräsident der ILGA (International Lesbian and Gay Association)-Europa.

 

[Seitenanfang



Geschlechtergerechte Sprache?
Über queere widerständige Strategien gegen diskriminierenden Sprachalltag
Persson Perry Baumgartinger


Was ist Nin.
Schau hin.
Ein Bub.
Ein Mädchen.
Ein Mub!
(Lilly Axster 2007: 25)

Die Europäische Kommission hat 2007 zum „Europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle“ gekürt. Allein der Titel gibt schon einige Rätsel auf und viel Diskussionsstoff her: Wieso spricht „die“ EU von (ganz?) Europa? Und wer ist alle? Wieso nur ein Jahr? Und was ist denn eigentlich Chancengleicheit?

Wenig erstaunlich also, dass TransInterQueers(1) dabei einmal mehr nicht mitgedacht werden, obwohl die Geschlechterdimension auch im EU-Jahr 2007 anscheinend behandelt werden soll. Dabei wird über Gleichstellung der Geschlechter, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts etc. geschrieben (vgl. Europäische Kommission 2005: 1). Das sind geflügelte Worte, die eines vergessen: die Ausnahme der Regel. Also all jene, die dem anscheinend normalen und medizinisch als gesund angesehenen Zweigeschlechtersystem Mann/Frau ihre Bestätigung geben. Transgender z. B. oder Intersexuelle oder Androgyne oder Genderqueers oder Butches oder Transvestiten oder … Leute eben, die weder Männer noch Frauen, oder nicht ihr ganzes Leben lang Frauen und Männer, oder beides oder ganz was anderes leben.

Dies ist ein Artikel
über sprachliche Gegenstrategien gegen das herrschende – alles be-herrschende – Zweigeschlechtersystem, die ich als widerständige Praxen sehe. Wie kommen TransInterQueers in einer Sprache vor, die nur Männer und Frauen kennt? „Sprache“ beinhaltet für mich nicht nur Worte, sondern auch z. B. Zeichen, Bilder, Gestik, Mimik oder energetischen Austausch; also alle Ebenen, mit denen mensch sich austauscht, eigene und verinnerlichte fremde Werte und Ansichten vermittelt und sich verständlich macht. Mit Sprache werden Werte, Normen und Vorstellungen materialisiert. Das bedeutet, dass jed* mittels Sprache Realitäten schafft, dass jed* durch die Wahl des Sprachgebrauchs (mit welchen Worten oder Zeichen etwas ausgedrückt wird, mit welcher Geste oder Mimik etwas unterstrichen wird etc.) zur Realität mit beiträgt. Jed* übt also über Sprache eine alltägliche Macht aus, verfestigt alte Muster und Ansichten oder erschafft neue Visionen und Realitäten. Geschlecht wird – auch auf sprachlicher Ebene – als sehr strenge, rigide ausgeübte Kategorie gehandhabt. Jede „Abweichung“ von dieser Norm wird bestraft, als krank abgestempelt (Ausübungsinstrument ICD-10)(2) und an die Zweigeschlechternorm mit Hormonen, Operationen, Namens- und Geschlechtseintragsänderungen in den Dokumenten wieder angepasst, „normalisiert“. Damit das System seine Richtigkeit hat.

„Gibt es ein Wort, das Mädchen und Bub meint? Dann muss ich nicht immer Sie und Er sagen“, fragt Nin im Theaterstück eS-E-iX von Lilly Axster. Nin ist ein Kind auf der Suche nach Geschlechtlichkeit außerhalb der Zweigeschlechternorm, weil sich Nin eben weder in Nino noch in Nina findet. Nicht nur im Stück wird klar, wie beschränkend, einschränkend und das Zweigeschlechtersystem be-herrschend Sprachen sind.

Der Transidente in mir stößt bei fast jedem Gespräch – und wenn es nur das Broteinkaufen um die Ecke ist – tagtäglich gegen die Grenzen des sprachlichen Zweigeschlechter-Diktats und kämpft immer wieder in der eigenen Sprache mit einer beschränkten und beschränkenden Auswahl.

Der Sexuelle, Begehrende in mir hat keine adäquaten Worte, sein Begehren und das seiner Mitbegehrten und Partner_Innen zu beschreiben. Oder für all die gelebten Beziehungsformen und Sexpraktiken.

Und der Sprachwissenschafter in mir spornt mich dazu an, mir das genauer anzuschauen: Gibt es wirklich nur zwei Geschlechter in der Sprache?(3) Das kann nicht sein, es gibt doch so viele, die außerhalb der genormten „Frau/Mann“-Systematisierung leben. Existieren die denn etwa nur zwischen den Zeilen? Was für Gegenstrategien und Widerstände haben die sich denn ausgedacht? Leben die bereits in Texten und Performances etc.?

Ein Er?
Ja, sehr.
Eine Sie?
Und wie.
Das ist schon wieder der Anfang.

(Axster 2007: 25)

Und allzu lange dauert die Suche auch nicht, da stoße ich auf wunderbare, vielfältige, erschreckende, zum Nachdenken anregende, befreiende, kreative Strategien, Wörter, Bilder, Texte, Performances, Workshops, Schriften etc. pp., von denen einige auch hier im Artikel jeweils Raum bekommen (haben).

Die männliche/patriarchale Vorherrschaft in Sprachen wurde schon vor Jahren von feministischen Seiten kritisiert. Dabei entstanden Varianten wie z. B. eine Benennung „der beiden“ Geschlechter Mann/Frau (LehrerInnen), die leider für TransInterQueers nicht sehr bereichernd und wenig hilfreich sind.


Es geht also darum,
Sprache aus ihrer Zweigeschlechtlichkeit zu befreien. Manche Sprachen machen es da etwas einfacher als andere, wenn z. B. Hauptwörter, Bezeichnungen etc. zumindest vordergründig nicht vergeschlechtlicht sind (wie z. B. im Englischen). My lover kann mei* Liebesperson sein, egal, welche Geschlechter diese Person gerade lebt. Im Deutschen braucht es für die Mit-Erwähnung von Nicht-Männern/Frauen neue queere Strategien (mei* Liebesperson). Oft wird auch versucht, geschlechtliche Festschreibungen zu vermeiden, indem Texte z. B. im Plural geschrieben werden. Übrigens eine feministische Strategie, die auch für TransInterQueers ganz gut funktionieren kann.

Es gibt sehr viele phantasievolle, oft sehr unterschiedliche Ideen, Realisierungen, Widerstände gegen eine Sprache, die nur Männer und Frauen kennt. Etwa Strategien auf soziolinguistischer Ebene, also im alltäglichen gesellschaftlichen Handeln. Auf der Tagung Transgressing Gender. Two ist not enough for gender (e)quality 2006 in Zagreb z.B. wurden von den Teilnehmenden eines Workshops Strategien gegen alltägliche transphobe Situationen entwickelt (vgl. Frketic´/Baumgartinger 2005). Oder Wortneuschöpfungen, die sich besonders bei der unendlich kreativen Vielzahl an Selbstbezeichnungen von TransInterQueers und auch einigen – zumeist negativ konnotierten oder medizinisch verstümmelnden – Begriffen zeigen (vgl. Baumgartinger 2007).

John Williams findet im Englischen zusätzlich zu he/she (er/sie) bis zu vier verschiedene Geschlechterneutrale Pronomina (gender neutral pronouns – GNPs):

sie, hir, hir, hirs, hirself,
zie, zir, zir, zirs, zirself,
e/ey, em eir, eirs, eirself/emself und
per, per, pers, pers, persself

(vgl. Williams 2004).

Leslie Feinberg, Transgenderaktivist_in und Autor_in aus den USA, verwendet seit längerem für sich und ihreseine Bücher einige der gerade beschriebenen Pronomina.(4)

s_he eröffnet in einem Artikel mit dem _ einen Ort von Geschlechtlichkeit: „Damit ist der Platz markiert, den unsere Sprache nicht zulässt, ein Raum spielerischer und erotisch-lüsterner Geschlechtlichkeit, den es in unserer Geschlechterordnung nicht geben darf“ (s_he 2003: 1).

Diese Strategie wird feministischen Forderungen nach einer Sichtbarkeit von Frauen gerecht und macht einen Raum für die „Anderen“ – TransInterQueers – auf. Sie schreibt allerdings durch die Nennung der weiblichen und männlichen Form das Zweigeschlechtersystem einmal mehr fest. Und sie zementiert die real wirkende Hierarchie zwischen Mann/Frau (als einzeln Genannte) und „den Anderen“ (als Platzhalter _).

Im Rahmen des Gendertalk in Wien wurden verschiedene sprachliche Varianten goutiert, diskutiert und aufgeschrieben.(5) In diesem Rahmen ist auch eine Variante entstanden, die in Entwicklung ist und mit der unterschiedlichst experimentiert wird: der *. Realisiert wird der * einerseits in Migrant*in gleich dem _ als Erweiterung zur Zweier-Mainstreamform. Andererseits bietet sich * an, um das ewige Widerkäuen des sprachlichen Zweigeschlechterdiktates zu vermeiden (z. B. lieb* Lese*, * du das gerade liest). Das entspricht meiner Meinung nach dem Ursprungsgedanken vom *.(6)

In eigenen Experimenten und in „Experimentierwerkstätten“ in meinen Workshops werden diese und noch mehr verschiedene widerständige Gegenstrategien versucht, verworfen, neue Strategien kreiert(7) und Kinderbücher in (wirklich) geschlechtergerechte Sprache „übersetzt“.

Deshalb: zückt eure Stifte, holt euch leere Blätter, lasst eurer Phantasie freien Lauf! Es gibt genug zu tun, lasst uns sprachliche Chancengleichheit (nicht nur) für TransInterQueers widerständig kreativ angehen!

PP: Du kannst nicht beides gleichzeitig sein.
Nin: Wieso nicht?
Sie … Er … sehr. Ich bin Sehr.

(Axster 2007: 5)


Fußnoten:
(1) Den Begriff TransInterQueer entlehne ich vom gleichnamigen Verein in Berlin (www.transinterqueer.org). Unter TransInterQueers verstehe ich Menschen, die sich nach Selbst- bzw. auch Fremdeinschätzung nicht in das übliche Raster „Mann/Frau“ einordnen (lassen).

(2) Der ICD-10 ist die Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der WHO, wobei sexuelle, geschlechtliche und Begehrens“störungen“ unter F64-F66 zu finden sind. Version 1.3 unter: www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlamtl/fr-icd.htm?navi.htm (20. 2. 07).

(3) Ich konzentriere mich in dem Artikel hauptsächlich auf die deutsche Sprache und nehme teilweise auf englischsprachige Strategien Bezug. Nichtsdestoweniger kann vieles von dem Artikel auf andere Sprachsysteme angewendet werden.

(4) Vgl. u. a. Feinbergs neuesten Roman Drag King Dreams.

(5) Siehe http://gendertalk.transgender.at/sprache.htm

(6) Hier ein großes Dankeschön an Joshua Taubert und Vlatka Frketic´ für Anregungen und Diskussionen, Ideen- und Gedankenaustausch!

(7) Hier gilt allen Teilnehmenden der Experimentierwerkstatt im Jänner 2007 im Rahmen der Feministischen Linguistik auf der Universität Wien besonderer Dank.

Literatur & Links:
Lilly Axster (2007): eS-E-iX: Kinderfragen, Klebebilder. Unveröffentlichte Spielvorlage, Wien

Persson Perry Baumgartinger (2007): Trans*Queer Glossar. Wien (http://oeh.univie.ac.at/fileadmin/FilesHOMOBITRANS/GlossarQueer070214.pdf) (20. 2. 07)

Europäische Kommission; Beschäftigung, Soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit (2007): 2007 – Europäisches Jahr der Chancengleichheit für alle. (http://ec.europa.eu/employment_social/news/2005/jun/antidiscrimination_de.html) (26. 2. 07)

Leslie Feinberg (2006): Drag King Dreams. Carroll & Graf Publishers: New York

Vlatka Frketic´/Persson B. Baumgartinger (2005): Strategies against Transphobia. In: Amir Hodzˇic´/ Jelena Posˇtic´ (ed.): Transgressing Gender: Two is not enough for gender (e)quality. The conference collection. Prius d.o.o.: Zagreb

s_he (2003): Performing the Gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung. In: arranca! linke zeitschrift: Aneignug I. Ausgabe 28. Berlin, November (http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=245)

John Williams (2004): Gender-Neutral Pronoun FAQ. A General & Specific Discussion of Gender-Neutral Alternatives to Gendered Pronouns, Including Answers to Frequently Asked Questions. Version 0.9.13 – 30 April 2004 (www.aetherlumins.com/gnp) (9. 1. 07)


Persson Perry Baumgartinger
(ver-)sucht und (er-)stellt transinterqueere Räume, Theorien und Praxen. Queer Linguistics. Texte & Aktionen: queeropedia, verschiedene QueerSnacks u. a.

[Seitenanfang]

 
   
 
 
 
Copyright Initiative Minderheiten 2007