STIMME von und für Minderheiten # 36
Offener Brief an den Kleinen Mann
Lieber Kleiner Mann!
Wie Du wahrscheinlich gemerkt haben wirst, habe ich Dich sonderbar angeredet. Ich habe das Eigenschaftswort klein großgeschrieben; nicht, weil ich darin eine übermäßig satirische Doppeldeutigkeit erblicke (Du weißt es zwar nicht, weil Du mich ja sonst nie liest, aber ich bin ein ganz seriöser Redakteur). Nein, ich schreibe das Klein groß, weil dieses Adjektiv (wie gesagt: Eigenschaftswort) Dir mittlerweile so etwas wie ein Vorname geworden ist. Du bist wahrscheinlich der Länge nach besehen gar nicht so klein, ich denke sogar, daß Du mit Sicherheit größer bist als ich (wir Südländer geraten halt nicht besonders groß; vielleicht sind wir Dir deswegen nicht besonders sympathisch). Aber es ist Deine wichtigste Eigenschaft, klein zu sein. Ich nehme an, daß damit eine andere Größe gemeint wird: Der soziale und politische Raum, den Du einnimmst, muß kleiner sein als jener von - von den FPÖ-PolitikerInnen? Ich weiß es nicht. Ich habe Dich ja auch nicht auf diesen Namen getauft.
Ich glaube, freier Kleiner Mann, Du wirst diese Regierung gewählt haben, rühmen sich die Regierungsparteien doch dessen, Dir einen Gefallen nach dem anderen zu tun. Sie reden von Kinderschecks, von Begünstigungen der Familie, von Treffsicherheit. Vor allem die FPÖ spricht immer dann, wenn ihr die politische Sache zu groß wird, vom kleinen Mann. Und das Problem dabei ist, weitsichtiger Kleiner Mann, daß Dir die so offensichtlichen Widersprüche zwischen ihren Worten und Taten nichts auszumachen scheinen.
Du bist von den budgetären Sanierungsmaßnahmen getroffen, denn jede Gesellschaftsgruppe muß ein bisserl draufzahlen, wie der Finanzminister sagt. Wer wieviel Bisserl zahlt, bleibt zwar eine offene Frage, aber nachdem Du per definitionem (entschuldige bitte die Fremdsprache, patriotischer Kleiner Mann, auch diese Art von Österreich-Vernaderung werde ich im Laufe der Zeit ablegen lernen, ich bin noch zusehr dem ZweiteRepublikAltparteienSystem verhaftet); ich meinte: laut Begriffsbestimmung klein bist, wird das Bisserl bei Dir ziemlich groß ausfallen. Außerdem, aufmerksamer Kleiner Mann, wurde diese Sanierung für die Europäische Währungsunion, also für den Euro, in so kurzer Zeit notwendig; aber war die eine Regierungspartei nicht eigentlich gegen den Euro? Und sie stellt auch den Finanzminister. Dieser Punkt macht mich irgendwie nachdenklich, aber Dich augenscheinlich nicht, weiser Kleiner Mann.
Es gab da die Sache mit den sogenannten EU-Sanktionen. Die Regierenden haben dann gesagt, wenn die Sanktionen nicht weg sind, werden wir den kleinen Mann befragen, ob er überhaupt in der EU bleiben will. Dich fürchten sie, die Österreich-Vernaderer und die Systemmenschen, nicht nur in Österreich, sondern offenbar auch im Ausland. Da sagten der Bundeskanzler, die Vizebundeskanzlerin, die Außenministerin und andere Dich kennende Persönlichkeiten, daß die Souveränität eines Staates (also die Ausübung der Hoheitsrechte oder besser: eigene Chefität) unantastbar sein müsse, die Innenpolitik eines Landes gehe niemanden aus dem Ausland was an. Aber dann war diese Sache mit Temelin: Ein Staat baut da innerhalb seiner Grenzen ein Atomkraftwerk, was an sich eine Gefahr darstellt. Unsere Regierung meint aber, daß dieser andere Staat damit vor allem Deine Kinder gefährde. Folgerichtig gehst Du mit den anderen zur Grenze und blockierst diese eben. Aber was ist mit den Hoheitsrechten jenes Landes? Denn derselbe Schüssel (das ist der Bundeskanzler, weißt eh, trug früher die Mascherln), der die EU damit abwatschte, man dürfe ihm keine Vorschriften machen, weil er sein eigener Chef sei, schärft nun der EU ein, man müsse den Tschechen Vorschriften machen. Und: Die Regierung, die ein Verbot der Antiregierungsdemonstrationen erwägt, spricht bezüglich der Anti-Temelin-Demonstrationen vom Demonstrationsrecht in der Demokratie. Geht Dir, kluger Kleiner Mann, das alles wirklich in den Kopf?
Es gibt so viele Dinge, Kleiner Mann, die in Deinem Namen geschehen und gegen Dich gerichtet sind - es würde mehrere Seiten in Anspruch nehmen, sie alle aufzuzählen. Die Regierung will beispielsweise Studiengebühren einführen - hast Du keine Kinder, die studieren oder einmal studieren werden? Die Steuern werden erhöht - zahlst Du denn nie Steuern? Die sogenannte Sicherheitspolitik verunsichert immer mehr - hast Du's denn nie mit der Polizei zu tun?
Ich muß gestehen, geschätzter Kleiner Mann, ich kenne Dich nicht. Die Regierung schärft Dir ein, Du sollst so viele Kinder wie möglich zeugen, damit wir keine Ausländer ins Land holen müssen. Produktiver Kleiner Mann, hast Du überhaupt eine Kleine Frau dafür? Wenn ja, warum spricht dann niemand von ihr?
Du wirst diese Zeilen niemals lesen, kleiner Kleiner Mann. Denn Du bist eine große Lüge, die tagaus tagein die schwarz-blaue Märchenwelt bevölkert.
Kleiner Mann, mir graut vor Dir.
Hakan Gürses