STIMME von und für Minderheiten # 36

Geduld ist eine Tugend der Götter
von Hikmet Kayahan

Ach, wie schön wäre es doch, wenn unsere PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen (was für ein Wort! - und falsch noch dazu, denn sie fällen Entscheidungen, tragen tun sie die einfachen Menschen, auch Volk genannt!) ein bißchen etwas Göttliches an sich hätten! Geduld ist nämlich die Grundvoraussetzung zum Zuhören. Zum Hinhören.

Mit Verlaub: So gesehen bin ich schon ein bißchen göttlich, denn ich kann verdammt gut zuhören. Oft höre ich sogar Dinge, die gar nicht ausgesprochen, gar nicht in Worte gefaßt werden. Und (vielleicht sollte ich doch einen Arzt konsultieren?) manchmal höre ich Dinge, obwohl nur geschwiegen wird. Z. B. wenn mir mein 17jähriger Schützling Özgür sein Referat zeigt, unter dem eine große rote Fünf prangt; unter dem Referat, an dem er wochenlang gearbeitet hat und der das Beste ist, was meine KollegInnen und ich (als Pädagoge und Germanist) in den letzten Jahren gesehen haben; und ich als Begründung der Lehrerin lesen muß: "Du hast dir viel Mühe gegeben. Aber bei der mündlichen Präsentation hast du zu viele Artikel- und Fallfehler gemacht. Das nächste Mal klappt es sicher!" - Ja, ich höre dann Dinge aus dem Schweigen von Özgür, der erst seit vier Jahren in Wien lebt, mit einer immensen Kraftanstrengung in kürzester Zeit Deutsch gelernt hat und jetzt davon träumt, Matura zu machen, wissend und in Kauf nehmend, daß er dreimal soviel lernen muß als seine KlassenkameradInnen. Ich höre aus seinem Schweigen dieses undefinierbare Knistern, wenn die Keule der Desillusionierung auf einen niederschwingt.

Aber es geht nicht um Özgür. Er ist nur eine Zahl in irgendwelchen Statistiken. Es geht auch nicht um diese Lehrerin, die unsensibel, subjektiv, unpädagogisch und demotivierend in ein junges Leben eingreift; auch nicht um ein Schulsystem, das Artikel-und-Fallfehler-suchenden-Lehrkräften mehr Freiraum gibt als denen, die vielleicht eher auf die intellektuellen Fähigkeiten ihrer SchülerInnen eingehen. Nein, um all das geht es eigentlich nicht. Ja aber worum geht es dann? Eigentlich um ein undefinierbares Knistern. Und um eine Keule. Die einen niederstreckt. Es geht um Desillusionierung.

Träum mich fort von hier ...
Fast scheint es, daß unsere Gesellschaft es darauf angelegt hätte, unserer Jugend (und damit meine ich alle - na sagen wir mal - so zwischen zehn und 25 Jahren) alle seine Träume zu nehmen. Kaum noch ein Ort, ein Freiraum, wo ein ungezwungenes Träumen möglich ist. Wo entstehen Visionen? Wer schenkt uns die Kraft, an eine funktionierende, erfüllte Zukunft zu glauben? Wer ermöglicht es uns, an dieser potentiellen Zukunft zu partizipieren?

Unabhängig von Geschlecht, ethnischer Abstammung, Muttersprache, Hautfarbe usw. haben wir unsere Jugend in einer Nische zwischen Konsum und Nichtbeachtung abgestellt. In dieser Nische formieren sich Jugendliche immer wieder von neuem, immer wieder in andere Farben und Formen gehüllt, und versuchen auszubrechen. Aber jeder Ausbruchsversuch wird entweder belächelt oder absorbiert. Wen kann denn ein Piercing schon noch schocken? Lange Haare? Daß ich nicht lache! Sogar Jörg Haider trägt ein Freundschaftsband am Handgelenk (zumindest auf Wahlplakaten). Unsere erwachsene Welt hat es darauf angelegt, sich jugendlich zu geben, jung zu sein. Die wirklichen Jugendlichen sind Randerscheinungen. Vernachlässigbar.

Interessant sind, wenn überhaupt, ihre wahlberechtigten Eltern. Naja, denen muß man dann schon eine sichere Ausbildung und Zukunft für ihre Sprößlinge versprechen. Kinderschecks beispielsweise.

Aber wehe den Jugendlichen, deren Eltern nicht wahlberechtigt sind! Die Kinder dieser von jeglicher gesellschaftlicher und politischer Partizipation ausgeschlossenen Parias unseres alten und neuen Jahrtausends sind noch rechtloser, noch ungleicher als ihre Eltern. Keine Lobby, keine Interessensvertretung. Still still, sonst holt dich der Jörg! Du nix verlangen, sonst nix Visa, sonst nix Lehrstelle, sonst nix Schule! Bingo! Die Rechnung scheint aufzugehen! Still und duldsam lassen sich die jugendlichen MigrantInnen von der einen oder anderen Ideologie vereinnahmen und instrumentalisieren. Von welcher, bleibt im Endeffekt Wurscht & Käse, denn Ideologien machen nicht satt, geben keine reale Zukunftsperspektive, keine Lehrstelle, keinen gleichberechtigten Platz innerhalb der Gesellschaft. Was bleibt, ist der Rand. Wenn der Rand weit genug vom Zentrum entfernt ist, kann man dort sogar laut sein!

Let´s dance tonight ...
Samstag. Es ist Nacht. In Wien. Die Clubszene pulsiert. Die Jugend ist auf den Beinen und bevölkert die Clubs und Discos der Stadt. Ich auf dem Weg in ein altes Wiener Palais. "Club Bodrum" läßt dort wieder unter Beschallung durch türkische Pop-Drums schwitzen. Das Ambiente ist berauschend, die kunstvolle Decke, die Parkettböden. Wien, wie es im Buche steht. Und plötzlich wieder dieses Knistern, kurz bevor die Keule der Desillusionierung niederkracht. Diesmal auf mich. Tief luftholend gehe ich in mich: Wir haben versagt, es war alles umsonst! Mit wir meine ich die Armee der Pädagogen, Sozialarbeiter, Multi-Kultis und Träumer. Ja, wir haben versagt, die schöne neue Welt ist vielleicht ferner als je zuvor!

Warum dieser Pessimismus? Nun, zirka 1000 Jugendliche bevölkern diese prachtvollen Räume. Sie sind jung, schön, aus ihren strahlenden Augen läßt sich die Energie und das Potential aller möglichen Zukunften ablesen. Ihre rhythmisch zuckenden Körper sind ein Sinnbild der Dynamik, die diese Gesellschaft braucht, um auch im neuen Jahrtausend der Globalisierung konstruktiv teilzunehmen am Spiel der Zeiten. Aber es sind alles Türken!

Man/frau möge mich nicht falsch verstehen. Ich habe nichts gegen Türken. Allah bewahre! Und darum geht es eigentlich auch nicht. Es geht eher darum, daß keine österreichischen oder serbischen oder bosnischen oder arabischen oder polnischen Jugendlichen dabei sind. Es geht um meine Ernüchterung, wieder einmal bekeult zu werden, daß der Traum von einer toleranten, multikulturellen Gesellschaft auch auf dieser Ebene nicht funktioniert. Man bleibt unter sich. Die österreichische Gesellschaft hat es geschafft, daß die jungen, ethnischen Communities den Rückzug ins Ghetto angetreten haben. In anderen Lokalitäten der Stadt finden (zur selben Zeit wie das türkische) arabische, afrikanische, jugoslawische Clubbings statt. Viele Club- und Discotüren bleiben für Jugendliche, die "ausländisch ausschaun", verschlossen ...

Flucht nach vorne...
Ghetto gibt Schutz. Sicherheit. So gesehen, haben Ghettos sicher auch ihre Vorteile. Aber Ghettos schaffen auch immer tiefere Gräben zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen. Keine Brücken. Das Motto muß also heißen: Wir müssen die Ghettomauern niederreißen und die Jugendlichen wieder in die Mitte holen. Auch wenn die Keule der Desillusionierung immer über uns schwebt. Ganz so schlimm ist es vielleicht doch nicht. Oder sagen wir mal so: Es gibt Lichtblicke, die Mut und Hoffnung machen. Mit Begeisterung verfolge ich die Aktivitäten der Jugendkultur-Initiative Vitamine-Source (http://www.vitamine-source.at): Da haben sich doch tatsächlich türkisch-, arabisch-, österreichisch-, kurdischstämmige Jugendliche zusammengeschlossen, um gemeinsam Kulturprojekte zu machen. Und nicht etwa Ethno-Kult, sondern urbane, globale Kunst und Kultur ist es, was sie interessiert. Und auf ihren kleinen, aber feinen Veranstaltungen tummeln sich junge Menschen aller Farben, Nationalitäten und Religionen. So selbstverständlich. So überzeugend. Mit ungeheurem Selbstbewußtsein deklarieren sie sich als Wiener Jugendliche.

Und mein Pädagogenherz schlägt wieder freudiger. Nein, es funktioniert vielleicht doch. Es gibt sie doch, die Jugend, die trotz aller Hürden und Beschränkungen den Mut und die Fähigkeit zum Träumen und Visionen- Entwickeln nicht verloren hat. Vor allem nicht die Kraft, auch aktiv an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken. Und plötzlich wird der Blick wieder geschärft, ich höre wieder Dinge, die nicht gesagt werden, sondern die einfach passieren: Da schreibt die Volkshochschule Wien-Ottakring einen Lehrgang für Jugendliche aus ("Go public"), die sich stärker in gesellschaftspolitische Prozesse einbringen wollen, die in den Vereinen und Gruppen, in denen sie sich engagieren, Jugendprojekte machen wollen. Österreichische Jugendliche und jugendliche MigrantInnen. Aber das eigentlich Beeindruckende ist, daß so ein Lehrgang schon Wochen vor Beginn ausgebucht ist. Also doch nicht nur konsumorientierte Spaß-Generation!

Vielleicht liegt es nur an uns Erwachsenen, denen, die was zu sagen haben, und denen, die nichts zu sagen haben, einfach nur Freiräume zu schaffen für die Jugendlichen. Freiräume, in denen sie selbst, auf ihre Art und Weise, die Ghettomauern niederreißen können. Zuhören. Hinhören. Und auch das andere Knistern hören: Die Zukunft hat schon begonnen!

Hikmet Kayahan ist 34, Leiter des JUBIZ-Jugendbildungszentrums in Wien und der Jugendzeitschrift TOP ONE.