STIMME von und für Minderheiten # 36
Die Quadratur des Kreises
von Jamal Hachem
Oktober 2000. Zehn Monate nach dem Millenniumshype. Zehn Monate nach dem "Eintritt in eine neue, fortschrittlich denkende Welt". Ja, und die "große Überraschung": Die Jahreszahl mit der großen Zwei und den darauffolgenden drei Nullen hat nichts an den Problemen der Gegenwart verändert. Wer hätte auch ernsthaft geglaubt, daß eine Zwei mit drei Nullen etwas verändern kann?
Mögliche Veränderungen hat die sogenannte Erwachsenenwelt in der Hand. Politische Beschlüsse werden von einer kleinen Gruppe von Erwachsenen gemacht, manchmal reicht auch nur ein einziger Erwachsener, der genug Macht hat, um seine Ideen und Interessen durchzusetzen. So oder so: Diese kleine Anzahl an erwachsenen Personen reicht, um Maßnahmen, die das gesamte Volk (be)treffen, zu beschließen. (Manchmal nennt man das dann Diktatur, und manchmal Demokratie, je nachdem.)
Jugend nach Markt
Diese kleine Erwachsenengruppe entscheidet über und für die restlichen Erwachsenen und natürlich über Jugendliche und Kinder, die ja bekanntlich auch zum Volk gehören. Aber Kinder und Jugendliche sind aus Entscheidungs- und Mitbestimmungsprozessen noch viel mehr ausgegliedert, als es ihre erwachsenen Eltern sind. Naja, sie sind nicht wirklich Zielgruppe der Politik, sie dürfen ja nicht wählen, also ihren Volkswillen kundtun.
Erwachsene wie Jugendliche werden durch die jeweiligen Marktsegmente und Produkte definiert. Die Werbebranche gibt uns vor, wie wir zu sein haben. Sie sagt uns z. B.: Jugendliche, zwischen 14 und 30 (!), mögen dieses oder jenes Produkt. Prompt zeichnen die facettenreichen Medien und die Musikindustrie ein ähnliches Bild. Der Kreis wird immer wieder geteilt, bis sich keiner mehr auskennt, so daß der Markt mit Statistiken, Studien und Büchern über Jugendszenen über uns herfallen kann.
Doch der springende Punkt ist (egal, was uns Politik und Werbung auch vorgaukeln): Mitbestimmung von Jugendlichen ist unreal. Das Ziel müßte also sein, die Silbe un- verschwinden zu lassen. Von heute auf morgen wird und kann das sicher nicht gehen. Die Politik der kleinen Schritte wäre gefragt. Das könnte mit Pilotprojekten beginnen und bei erfolgreicher Bewährung ausgeweitet werden. Das könnte die Schaffung eines (auch wirklich ernstgenommenen) Jugendparlamentes sein. Oder Senkung des Wahlalters auf 16 auf lokaler oder regionaler Ebene. Der Effekt von "Wählen mit 16" wäre, daß schlagartig in der politischen Landschaft ein Umdenken stattfinden müßte, wollen sich die Parteien auch in dieser Zielgruppen ihre (Wähler-)Stimmen sichern. Ob dann die Versprechen, die gemacht werden, auch in die Tat umgesetzt werden, ist natürlich wieder eine andere Geschichte.
Am Rand des Kreises
Aber der Kreis wird weiter geteilt. Unter den Jugendlichen gibt es dann z. B. wieder die Gruppe der sogenannten ausländischen (oder ausländischstämmigen) Jugendlichen, die sich oft mit Problemen ganz spezieller Natur herumschlagen müssen. Die politische Mitbestimmung ist noch weiter entfernt als bei ihren Altersgenossen, deren Eltern wählen dürfen. Bevor diese Jugendlichen überhaupt an politische Mitbestimmung denken können, müssen sie noch die alltäglichen Hürden überspringen, meist gesellschaftliche Hürden, die recht hoch gemacht sind, damit sie auch ja nicht übersprungen werden können. Das nennt man dann politisches Klima. Und dieses politische Klima ist dann eh an allem schuld.
Diese ausländischen Jugendlichen sind genauso ein Teil der in immer kleineren Abständen entstehenden Pseudo-, Sub- und auch wirklichen Jugendkulturen, die immer mehr zu absoluten Mischkulturen avancieren. Es wird wie wild gesampelt, recycled und adaptiert. Der Jugendliche von heute ist immer weniger zu einer bestimmten Szene zuzuordnen. Trotzdem gibt es noch den Teil der Pseudo- und Subkulturen, der an Styling, Musik, Abendgestaltung und Aufenthaltsorten zu erkennen ist. Man kann sagen, diese Kulturen sind reines Image.
Doch meistens sind ausländische Jugendliche nur am Rand von diesen Subkulturen zu finden. Oft haben sie nicht einmal eine Chance, überhaupt in den Kreis hineinzukommen. Wieso ist dem so? Die Gründe sind vielschichtig. Die Ablehnungen basieren meistens auf Vorurteilen. Einige Clubbetreiber, die mit diesen Pseudokulturen ihr Geschäft machen, sagen, daß sie Einbußen hinnehmen müßten, da der "heimische" Gast und Konsument es nicht gerne sieht, daß sich hier auch Ausländer aufhalten. Ob diese Clubbetreiber ihre Gäste danach fragen? Für mich ist es vielmehr ein ganz klarer Vorwand für die persönliche Einstellung; es ist immer am einfachsten, alles auf die anderen zu schieben. (Siehe auch: Die Wiener wollen keine Ausländer in den Gemeindebauten!)
In der Schule
Aber leider sind es nicht nur die Clubbetreiber, die pauschal vorverurteilen; es gibt auch genug Gäste, die mit Gesten, Blicken oder auch Aktionen ein Du-gehörst-nicht-zu-uns-Gefühl transportieren. Nun, Teil einiger Pseudokulturen oder einer pubertären Phase ist es, sich so oft wie möglich zu profilieren! (Dieses Verhalten ist übrigens auch in der hohen Politik anzutreffen!)
Das ist sicher einer der Gründe, wieso das Konflikt- und Aggressionspotential auf beiden Seiten vorhanden ist. Die Konsequenzen daraus sind beispielsweise die Turkish-Nights, African-Nights, Jugo-Nights, die seit einiger Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Geschäftstüchtige Veranstalter haben diese Zielgruppe erkannt und lassen sich immer neue Sachen einfallen, um auch an dieses Konsumentengeld heranzukommen. Mit einem überdachten Kulturkonzept hat das eher nichts zu tun. Die Folge: Ghettoisierung! Noch dazu im Freizeitbereich, wo es vergleichsweise noch am einfachsten ist, Brücken zu bauen.
Denn im Bereich der Schule ist man mit mangelnden Deutschkenntnissen oft abgestempelt und fast schon prädestiniert dafür, am Rande zu stehen. Sowohl MitschülerInnen als auch die Lehrorgane, die entweder nicht die Ressourcen haben, sich intensiver solch eines/r Schülers/in anzunehmen, oder gar persönliche absurde Beweggründe, die einen schon für eine pädagogische Arbeit disqualifizieren, machen es den Betroffenen schwerer, als es ohnehin schon ist. Bildung ist eines der Fundamente für Integration, das kompetente Benutzen der deutschen Sprache ist einer der wichtigsten Bausteine der Integration, wodurch Berührungsängste wegfallen - und somit fällt auch ein Diskriminierungsgrund weg. Aber es müßten faire Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Seit Jahren wird viel geschrieben, groß daher geredet, doch an der Umsetzung scheitert es zumeist. Es liegt an uns allen, etwas zu ändern; die Zivilgesellschaft, die ja im Moment in aller Munde ist, ist gefragt. Entscheidungen aber werden von den erwachsenen Entscheidungsträgern getroffen. Unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Jamal Hachem ist 18 und Lehrling in Wien. Er ist stellvertretender Chefredakteur der Jugendzeitschrift TOP ONE, Sprecher der Jugendkulturinitiave Vitamine-Source, DJ und Moderator bei Radio Orange, Wien.