STIMME von und für Minderheiten # 36
Über die Mühen des Packens: die Minderheitenbox
von Ursula Hermann
Es reist sich besser mit leichtem Gepäck. Nur die Qual der Wahl wird um so größer, je kompakter unser Koffer wird. Also keinen Koffer. Wie wäre es mit einer Box? Eine gute Idee. Und damit beginnt das Packen. Für das große Vorhaben: Minorities on tour - durch Österreichs Schulen.
Die Idee, eine umfangreiche Infobox zum Thema Minderheiten zu gestalten, ist fast so alt wie die Initiative Minderheiten selbst. Umgesetzt wurde das Konzept aber erst im März 1999. Sonja Zettinig übernahm die Projektleitung und realisierte die erste Phase des Projekts "Minderheitenbox". Hauptaugenmerk lag anfangs auf der Finanzierung der Box. Das Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten, Abteilung III/1, zeigte großes Interesse am Projekt. Der Leiter der Abteilung, Heinrich Wolf, legte im März 1999 dann auch die Vorstellungen des Ministeriums zur Ausrichtung des Projekts vor: Aufgrund der bestehenden Fülle an Materialien sollten keine neuen Unterlagen erstellt, sondern das bestehende Material gesichtet und zusammengefaßt werden. Des weiteren wurde Wert darauf gelegt, daß der Begriff Minderheiten "grundlegend und umfassend" behandelt wird. Auch von der Erstellung von "Stundenbildern" sollte abgesehen werden, da die Umsetzung der Box der einzelnen Lehrperson überlassen werden sollte. Diese Vorstellungen deckten sich mit dem Konzept der Initiative Minderheiten. Und damit begannen die Reisevorbereitungen: Eine Box zum Thema ethnische und soziale Minderheiten für die AHS- und BHS-Oberstufe wurde gepackt.
Die Box packen
Zur ersten Phase des Projekts gehörte neben der Finanzierung die Kontaktierung von Minderheitenorganisationen in Österreich; eine intensive Recherche zu den Bereichen interkulturelle Bildung, Minderheiten in Österreich, Migration und Rassismus; die Durchsicht, Beurteilung und Katalogisierung des Materials. Dann erfolgte die Konzeptuierung und Vorbereitung der inhaltlichen Gestaltung der Minderheitenbox. Diese sollte nach einem Modulsystem gegliedert sein. Von den einzelnen Modulen ist es dann möglich, "links" zu anderen Modulen zu legen bzw. von einer zur anderen Minderheitengruppe zu "switchen". So können erstmals minderheitenübergreifend Zusammenhänge, Strukturen und Vergleiche aufgezeigt werden. Ein LehrerInnen- und ExpertInnenarbeitskreis wurde ins Leben gerufen, um die Materialien zu evaluieren und auf ihre "Tauglichkeit" zu testen. Neben dieser inhaltlichen Recherche wurde auch ein erster Marketing- und Kostenplan erstellt. Im Jänner 2000 kam es dann zu einem Personalwechsel: Sonja Zettinig ging beruflich ins Ausland. Und so machte ich mich nach dem Studium der konzeptionellen und inhaltlichen Vorarbeiten ans Packen.
Nach Festlegung der Module wurde das gesammelte Material diesen Themenschwerpunkten zugeordnet. Da sich die Evaluierung von Einzelmaterialien als sehr schwierig und auch kontraproduktiv herausstellte - die Minderheitenbox sieht eine Einführung zum Thema Minderheiten vor, die bei diesen Einzelevaluierungen nicht berücksichtigt wurde -, entschloß ich mich, die Box bis Oktober 2000 in einer Auflage von zehn Exemplaren fertigzustellen, um eine ganzheitlichen Evaluierung zu ermöglichen.
Diese Evaluierung im Schuljahr 2000/2001 soll uns darüber Aufschluß geben, wie nun die einzelnen Materialien bei SchülerInnen und LehrerInnen ankommen. Auch werden bei dieser Gesamtbewertung die Zugänge zum Thema Minderheiten berücksichtigt, folglich nähert man sich weiteren Materialien mit einem Vorwissen an.
Inhalt der Box
Diesen Einstieg bietet das Modul Identität, das mit Hilfe interessanter Themen und Methoden die SchülerInnen durch persönliche Zugänge und Selbsterfahrung mit dem Problem der Minder- und Mehrheit konfrontiert. Die darauf aufbauenden Module Basisinfo, Geschichte, Literatur, Musik, Menschenrechte, Sprache und Medien und Ausgangssituationen/Lebensentwürfe geben Einblick in die Vielfalt, Unterschiede und Ähnlichkeiten der österreichischen Minderheiten. Als sehr spannend erweist sich dabei die Möglichkeit, sowohl innerhalb eines Moduls zwischen unterschiedlichen Minderheiten zu "switchen", als auch ausgehend von einer Minderheit mehrere Module zu durchlaufen. So sieht die alltägliche Diskriminierung einer Frau mit Körperbehinderung ganz anders aus als die einer burgenländischen Kroatin, eines 17jährigen Schwulen oder einer 20jährigen Migrantin nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft. Sie gehören unterschiedlichen Minderheitengruppen an und sind Benachteiligungen mit höchst unterschiedlichen - auch strafrechtlichen - Folgen ausgesetzt.
Neben Fragen der Diskriminierung, der Geschichte, dem gesellschaftlichen Umfeld und den konkreten Ausgangssituationen einzelner Angehöriger einer Minderheitengruppe geht es auch um Musik, Literatur, um das Selbstverständnis und um die Vielsprachigkeit im vermeintlich einsprachigen Österreich. Welche Lebensentwürfe bedingt die Zugehörigkeit zu einer Minderheit? Welche Rolle spielen die Medien dabei? Wie können Minderheiten in einer Mehrheitsgesellschaft ihre Interessen vertreten?
Die Materialien, die mit der Minderheitenbox zur Verfügung gestellt werden, versuchen darauf Antwort zu geben. Fertige Lösungen werden keine geboten, im Gegenteil: Möglicherweise werfen manche Themen noch mehr Fragen auf, was für ein prinzipielles Verständnis der Minderheiten-/Mehrheitenproblematik aber durchaus von Vorteil sein kann.
Die Texte, Videos, Bücher, Spiele, Rollenspiele, Internetlinks lassen die Reproduktion der allzu gängigen Stereotypen der "armen", "bemitleidenswerten" oder gar "kranken" Minderheiten nicht zu. Es wurde viel aus Minderheitenmedien recherchiert, um eine Box zu packen, die kompetente Positionen vertritt und ohne rassistische, sexistische, homophobe und diskriminierende "Untertöne" auszukommen vermag. Und diese Kriterien sind überaus anspruchsvoll, wie ZeitungsleserInnen wissen.
Die Box öffnen
Als fast ebenso anspruchs- sowie mühevoll stellt sich die Finanzierung des Projekts dar. Um auch alles im Herbst 2001 bei der endgültigen Fertigstellung einpacken zu können, braucht es noch kräftige finanzielle Zuschüsse. Neben der Subvention der Personalkosten von seiten des Unterrichtsministeriums, Material- und Geldsubventionen des Wiener Integrationsfonds und der Grünen Bildungswerkstatt sind wir noch auf der Suche nach finanzkräftigen Sponsoren. Das Projekt kommt zwar gut an, Schule und Bildung sind jedoch für die Privatwirtschaft bisher nicht unbedingt förderungswürdige Bereiche.
Durch diese finanziellen Engpässe muß natürlich auch bei Materialien genau ausgewählt werden; besonders teure können aus finanziellen Gründen nicht in die Box. Und teuer kann auch einfach nur die Abgeltung des Copyrights sein. Denn für jeden Text, jedes Lied, jedes Video, jede Folie muß beim Verlag, dem Label oder der Firma angefragt werden.
So muß auch die Box mit Kompromissen leben - doch umfangreich ist sie auch so geworden: Spiele, Rollenspiele, Videos, ein interkulturelles Projekt, Radiosendungen, eine eigens für die Box produzierte CD, viele Texte, Folien, Bücher, Radiosendungen und ein auffallendes Design erleichtern das Zugreifen und bieten eine Fülle von Materialien, aus denen sich Deutsch-, Geschichte-, Religions-, Fremdsprachen-, Geographie- und MusiklehrerInnen garantiert etwas Interessantes aussuchen können.
Die Minderheitenbox kann fächerübergreifend eingesetzt werden, sie bedingt durch das Einstiegsmodul Identität eine Kommunikation unter den Unterrichtenden einer Klasse und der Klasse selbst und stellt - besonders beim Modul Geschichte - Grundlagen für Fachbereichsarbeiten zur Verfügung. Die Internetlinks - Homepages von Minderheiten-, Menschenrechtsorganisationen und Servicestellen sowie Datenbanken - zeigen sehr deutlich, daß die Neuen Medien gerade für Minderheiten ein sehr wichtiges Medium geworden sind. Über das Internet können auch Kontakte geknüpft und Exkursionen geplant werden.
SchülerInnen und LehrerInnen haben jedoch auch die Möglichkeit, auf einer ReferentInnenliste einen Experten oder eine Expertin auszuwählen, die je nach Themen und Minderheitengruppe persönlich Antworten geben kann oder in Form von Workshops neue Zugänge ermöglicht.
Sollten SchülerInnen nun eine Anregung gefunden haben, sich genauer mit einem speziellen Minderheitenthema zu beschäftigen, bietet die Initiative Minderheiten Kontakte zu Privatradios, die gerne bereit sind, den Jugendlichen Zugang zum Medium Radio zu verschaffen.
Also viele Möglichkeiten - wenig Geld - und eine gute Portion Enthusiasmus: So startet die Reise, wohl gut geplant, aber mit nicht ganz leichtem Gepäck. Wollen wir hoffen, daß aus dem derzeitigen Reisemittel Fahrrad doch noch ein Motorrad wird - es wäre nicht ganz so mühevoll.
Ursula Hermann leitet das Projekt "Minderheitenbox" der Initiative Minderheiten.