STIMME von und für Minderheiten # 36

"Zehn kleine Negerlein"?
von Barbara Sorge

Unter dem Titel "Zehn kleine Negerlein oder Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?" befaßte sich "Radio Stimme" mit diskriminierenden, sexistischen, rassistischen und xenophoben Ausdrücken in Kinder- und vor allem Schulbüchern. Der Umgang mit Sprache stand dabei im Mittelpunkt.

Wie lernt man nun den "richtigen" Umgang mit Sprache? Rassistische und diskriminierende Einstellungen sind nicht angeboren. Neben den Eltern gestalten auch Medien wie Bücher das Weltbild eines Kindes mit. Es geht vor allem darum, darauf zu achten, daß Kindern und Jugendlichen in deren leicht beeinflußbarem Alter keine diskriminierenden Rollenbilder vermittelt werden. Das heißt, daß darauf zu achten ist, wie in der Familie und in der Schule mit Sprache umgegangen wird. Der größte Auftrag zur Bildung von Sprachbewußtsein kommt sicherlich den Schulbüchern zu, sollen sie die Schülerinnen und Schüler doch zu offenem und selbständigem Denken bringen.

Stationen der Überprüfung
Bevor Kinderbücher in die Buchhandlungen kommen oder Schulbücher am Lehrerpult und in der Schublade des Schülerschreibtisches landen, durchwandern sie alle eine lange Reihe von Überprüfungen. Da ist zuerst einmal der Autor selbst, der verpflichtet ist, auf seine Formulierungen zu achten und darauf, daß er keine Rollenklischees oder bedenklichen Ausdrücke verwendet. Doch schon hier kann es vorkommen, daß eine Prinzessin als "schön, aber auch klug" beschrieben wird. Um solche Klischees (es schließt sich nicht aus, daß schöne Frauen auch klug sind!) zu vermeiden, werden die Kinder- und Schulbücher als nächstes von den Lektoren in den Verlagen noch einmal gelesen und auf diskriminierende Ausdrücke hin untersucht.

Für Schulbücher gibt es dann im Bildungsministerium mit der "Schulbuchkommission" noch eine eigens eingerichtete Stelle, die die Bücher speziell nach den neuesten Erkenntnissen aus der Praxis und auch auf diskriminierende Ausdrücke hin untersucht. Diese Kommission setzt sich aus Lehrerinnen und Lehrern zusammen, die sich in entsprechender Weise fortgebildet haben. Hauptsächlich berät sie, ob das Buch für den jeweiligen Lehrplan geeignet ist. Es können aber auch Expertinnen und Experten wie Historikerinnen und Historiker oder andere Wissenschafterinnen und Wissenschafter von außen herangezogen werden, die überprüfen, ob die Bücher dem derzeitigen Wissensstand - im Hinblick auf die Verwendung von Wörtern - entsprechen. Auch das ist wichtig zu bemerken: Was heute als allgemein anerkannter Begriff gilt, kann in den nächsten Jahren auf Grund neuer Erkenntnisse bzw. Entwicklungen als diskriminierend aus dem Sprachgebrauch gestrichen werden müssen.

Sprachkosmetik und Erklärung
Seit 20 Jahren untersucht der Katholische Familienverband Schulbücher auf diskriminierende Ausdrücke bzw. bedenkliche Inhalte und wurde auch immer wieder fündig. So war zum Beispiel in einem Buch für Musikerziehung zu lesen: "Im Gegensatz zu den Weißen kennt die Religion der Neger keine andächtige Gottesverehrung." "Neger" ist wahrscheinlich das bekannteste Beispiel für einen diskriminierenden Begriff. Ein anderes, vielleicht weniger bekanntes Beispiel ist der Begriff "Eskimo". In der Sprache der Inuits, die mit diesem Wort benannt werden, bedeutet es "Rohfleischesser" und wurde abwertend für dieses Volk verwendet.

Dieses Jahr wurde nur eine bedenkliche Grafik mit dem Titel "Die tüchtigsten Länder der Welt" gefunden. Sie zeigt das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (BIP) von verschiedenen Staaten. Luxemburg und die USA wären demnach die tüchtigsten. Diese Beschreibung wertet Länder mit niedrigem BIP ab und kann somit als diskriminierend verstanden werden. 1997 waren in einer Aktion von FM4 und SOS-Mitmensch zum ersten Mal Schülerinnen und Schüler selbst aufgerufen, ihre Schulbücher zu untersuchen. Auch sie fanden immer wieder bedenkliche Stellen.

Besonders wichtig ist der Umgang mit den Ausdrücken aus der Zeit des Nationalsozialismus. "Reichskristallnacht" war der Begriff, den die Nazis verwendeten, um das Pogrom gegen die Juden im November 1938 beschönigend zu benennen. Es ist dies aber ein Begriff, der auch nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet wurde, um die Ereignisse im November 1938 zu benennen. Er wurde von vielen Autoren unreflektiert übernommen, weil es sehr plakativ ist. Schülerinnen und Schülern sollte dieser Begriff bekannt sein, allerdings sollte er in Schulbüchern nicht unkommentiert vorkommen und durch die tatsächliche Bezeichnung des Ereignisses, "Novemberpogrom", ergänzt werden.

Das Problem der belasteten Ausdrücke kann nun aber nicht einfach mittels Sprachkosmetik gelöst werden. Diese Begriffe sind Bestandteil unserer Sprache, und es würde nichts ändern, wenn man einfach andere Wörter an ihrer Stelle verwenden würde. Viel wichtiger ist es, die problematischen Begriffe zu erklären. Es geht also darum, mit Begriffen aus dieser Zeit richtig umzugehen und den Schülern zu erklären, was hinter diesen Bezeichnungen steckt und warum sie verwendet wurden. So können Schülerinnen und Schüler am ehesten den bewußten Umgang mit Sprache lernen.

Männer und Sekretärinnen
In den heutigen Schulbüchern ist auch die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau immer noch sehr klischeehaft. Die Männer sind in den meisten Büchern nach wie vor diejenigen, die arbeiten gehen und somit die gesamte Familie ernähren. Frauen kommen noch immer nur in "typischen" Frauenberufen wie Friseurin oder Sekretärin vor. Schülerinnen werden auf diese Art von ihren Schulbüchern und in weiterer Folge wohl auch von so mancher Lehrerin oder so manchem Lehrer entmutigt, selbstbewußt jenen Beruf zu ergreifen, der sie interessiert. Schulbücher haben jedoch die Aufgabe, ein Weltbild zu vermitteln, in dem es selbstverständlich Männer und Frauen gibt.

In älteren Büchern kommen auffällig wenig Frauen vor. Dies ist jedoch nicht allein darauf zurückzuführen, daß die Autorinnen und Autoren nichts über sie schreiben wollten, sondern darauf, daß es einfach nichts über Frauen zu schreiben gab. Vor zweihundert Jahren waren zum Beispiel kaum Musikerinnen oder Malerinnen bekannt. Diesem Umstand sollte in den Schulbüchern allerdings Rechnung getragen werden, indem darauf eingegangen wird, warum Frauen bis vor kurzem so wenig zu sagen hatten oder warum es einer Frau vor 200 Jahren unmöglich war, als Künstlerin Geld zu verdienen.

Der bewußte Umgang mit Sprache muß gelernt werden. Kinder und Jugendliche sollten in bezug auf die Sprache der Medien sensibilisiert werden und hinterfragen können, was für ein Bild von Wirklichkeit die Medien übermitteln wollen.

Auszug aus dem Interview mit Peter Malina, Leiter der Fachbibliothek für Zeitgeschichte der Universität Wien.
Das Interview führte Dagmar Kogoj für Radio Stimme:

Radio Stimme: Wer bestimmt, was rassistisch ist und was nicht?

Dr. Peter Malina: Es gibt leider keinen Kriterienkatalog, nach dem man vorgehen kann und wenn man einen Begriff findet, der drin ist, dann kann man diesen Begriff abhaken. So geht es auch nicht. Ich habe mir einmal Bücher angeschaut, aus den 70er und 80er Jahren, wie Bücher die sogenannte Dritte Welt beschreiben: Die Autoren wissen zwar, daß ein europazentrierter Blick nicht akzeptabel ist, die Dritte Welt wird mit Wohlwollen behandelt, die Darstellung aus europäischer Sicht wird jedoch beibehalten. Sie beschreiben die Dritte Welt, die Menschen dort kommen jedoch nicht zu Wort. Auch wenn die Texte korrekt wären, nehmen sie eine Perspektive ein, die problematisch ist. Das zeigt, daß gewisse Einstellungen beibehalten werden. Das ist auch bei der Darstellung der österreichischen Volksgruppen so: Die Mehrheit beschreibt die Minderheit, wenn auch wohlwollend. Es sollte in deutschsprachigen Büchern auch Texte in Slowenisch geben, wenn es um die slowenische Minderheit in Kärnten geht. Österreichische Autoren wissen, daß die Minderheiten zu schützen sind, aber den Sprung zu machen, was heißt das jetzt konkret, mutig zu sein, einen Text mit hineinzunehmen, der aus der Sicht der Volksgruppe beschreibt, fällt schwer.

Sollte man Begriffe wie "Reichskristallnacht" einfach unkommentiert aus den Schulbüchern wegstreichen?

Das Problem besteht darin, daß es Begriffe gibt, die im allgemeinen Sprachgebrauch, im allgemeinen Bewußtsein sind, die sehr plakativ sind und sehr faszinierend, oder scheinbar faszinierend. "Reichskristallnacht" wird also verwendet, wurde verwendet, weil er eben sehr eingänglich zu sein scheint, und ich würde sagen, er wurde nicht bewußt verwendet. Dabei sollte man sich aber bewußt sein, was hinter dem Begriff an Wirklichkeit steckt. Dieser Begriff verschleiert, was es wirklich war, hier wurde nicht Kristall zerschlagen, sondern hier wurden Menschen gehetzt, hier wurden Synagogen angezündet, hier hat sich Unmenschlichkeit und Barbarei offen deklariert. Dieser Begriff ist aber ein Begriff, von dem Schulbuchautoren - und nicht nur sie, das betrifft den allgemeinen Sprachgebrauch - nur sehr zögernd Abschied nehmen. Man hat einen Begriff genommen, man hat nicht reflektiert. Dabei muß ich aufpassen: Wie benenne ich die Wirklichkeit, wie benenne ich die Welt - denn mit den Benennungen entsteht ja so etwas wie Wirklichkeit.

Barbara Sorge ist "Radio Stimme"-Mitarbeiterin.

Diese Nachlese basiert auf der "Radio Stimme"-Sendung vom 29. August 2000.