STIMME von und für Minderheiten # 39

"Schwarz ist eine politische Identität"

Interview mit Araba Evelyn Johnston-Arthur über die "black community" in Österreich, die schwarze österreichische Geschichte und den Differenz-Begriff

STIMME: Was fühlst du, wenn du die Zeitung aufschlägst und wieder einmal eine Schlagzeile über "die Ausländer" liest?
Araba E. Johnston-Arthur: Es ist klar, daß den Medien eine sehr große Definitionsmacht zukommt, daß sie die Gesellschaft widerspiegeln und vorhandene Rezeptionen weitergeben. Wenn sich zum Beispiel in den letzten Jahren in Österreich eine neo-rassistische Kriminalisierung von schwarzen Menschen afrikanischer Herkunft als Drogendealer abgezeichnet hat, ist das ein Bild, das von den Medien verstärkt und transportiert wurde. Die Medien reproduzieren oft das, was die Gesellschaft sehen möchte oder was sie sieht. Wenn gleichzeitig Statistiken von der Polizei vorliegen, laut denen nur 0,1% der an der Drogenkriminalität Beteiligten schwarze Menschen afrikanischer Herkunft sind, zeigt das einfach, was für ein verzerrtes Bild dargestellt wird. Ich habe gestern in einem Bericht zum ersten Mal über Markus Omofuma als "Flüchtling" gehört; es hieß immer "der Schubhäftling". Da ist ein sehr großer Unterschied. Ein "Schubhäftling" impliziert, daß er ein Häftling ist usw.

In den USA sind die Afro-AmerikanerInnen die Hauptzielscheibe des Rassismus; in England sind es hauptsächlich die MigrantInnen aus den ehemaligen Kolonien. In Österreich scheinen es aber alle Minderheiten zu sein.
Alle, deren vermeintliche Herkunft nicht westlich-europäisch, deren Hautfarbe nicht weiß und deren Religion nicht christlich ist. Also alle, die als "Ausländer" bezeichnet werden. Meine Mutter, die finnische Staatsbürgerin und blond ist, wird sicher nicht mit "Ausländer" und "Ausländerin" gemeint.

Du bist bereits seit Mitte der 90er Jahre aktiv im Bereich Menschenrechte und Antirassismus. Abgesehen von den eigenen biografischen Gründen, hat das vielleicht auch mit einer "Wende" zu tun – vor allem bezüglich der "black community"?
Bezüglich der "black community" sehe ich in den letzten Jahren eine sehr große Änderung. Als Wendepunkt in der "schwarzen" österreichischen Geschichte betrachte ich die Nationalratswahl 1999, wo schwarze Menschen zum ersten Mal in Österreich instrumentalisiert worden sind – die Kriminalisierung schwarzer Menschen als Wahlkampfthema. Dieser Wendepunkt markiert unsere Wahrnehmung als Marginalisierte. Das ist ironisch, weil es gleichzeitig den Wendepunkt markiert, daß wir überhaupt als eine in Österreich lebende Gruppe wahrgenommen worden sind. Zuvor waren schwarze Menschen einfach nur exotische Ausnahmeerscheinungen, nicht wirklich existent – quasi von "legal aliens" zu einer marginalisierten, kriminalisierten Gruppe. Das ist ein sehr großer Sprung. Zuvor waren die Rassismen klassisch, das heißt kolonial geprägte Rassismen. Wenn man diese Entwicklung abkürzt, vor allem auf schwarze Männer bezogen, war es sozusagen die neo-rassistische Übersetzung vom "Buschneger" zum "Drogendealer".

In den 90er Jahren wurde auch die Organisation Pamoja gegründet. Was waren/sind ihre Haupttätigkeitsbereiche?
Vor allem der Prozeß der Selbstorganisierung war sehr wichtig für uns. Am Anfang ging es wirklich nur um Erfahrungsaustausch, darum, uns selbst wahrzunehmen, uns gegenseitig zu stärken, einfach aus der Isolation voneinander auszubrechen. Aus dieser Motivation haben wir dann unser Programm gestaltet. Wir haben einen "Black History Month" im Februar 1997 organisiert und uns damit an eine Tradition in der afrikanischen Diaspora angeschlossen, in der ein Monat des Jahres – meistens Februar – der schwarzen Geschichte gewidmet wird.

Bei der Kundgebung "Keine Koalition mit dem Rassismus" sind auch Mitglieder der Pamoja aufgetreten, um Omofuma zu gedenken.
Ja, das war für uns eine merkwürdige Situation, weil wir als "black community" unter einer von der SPÖ geführten Regierung eine noch nie dagewesene Kriminalisierung unseres politischen Protestes gegen den Staatsrassismus erlebt hatten. Dann gab es eben die Demonstration "Keine Koalition mit dem Rassismus" – Rassismus gleichgesetzt mit der FPÖ, und das war für uns eine schwierige Situation, weil wir den institutionalisierten Rassismus erlebt hatten, der kein Parteibuch kennt. Wir waren verärgert darüber, daß Rassismus einfach einer einzigen Partei zugeschrieben und nicht als gesamtgesellschaftliches Problem gehandhabt wurde und wird. Daß sich die Verantwortlichen die Hände abputzen und einfach hinter einem Etikett verstecken.

Wie kann dieser Rassismus bekämpft werden?
Wir haben vorhin von der Definitionsmacht gesprochen – ich finde diesen Punkt wichtig, er ist ein Ausgangspunkt. Aber er ist schon sehr schichtspezifisch; es handelt sich um eine Schicht, deren Welt voll von Wörtern ist, eine Welt, in der Wörter eine sehr große Rolle spielen: wie etwas definiert wird, wie etwas ausgedrückt wird. Auch ich bewege mich einfach aufgrund meiner Sozialisation in einer Wortwelt. Aber dort, wo ich zum Beispiel jetzt tätig bin, im Gemeindebau – wenn ich dort antirassistisch arbeite, kann ich mich nicht hinstellen und über Definitionen reden. Wenn ich eine schwarze Arbeiterin wäre, hätte ich einfach nicht den Zugang zu diesen Definitionsdiskursen. Ich will Du Bois zitieren, den ich sehr schätze; er sagt zu einem seiner Schüler: "Mach am Anfang deiner Karriere nicht den Fehler, daß du Wörter mit Dingen verwechselst." Wörter sind nur die Namen, um die Dinge zu identifizieren; es sind aber die Dinge, die zählen. Auch wenn schwarze Menschen nicht mehr "Negro" genannt werden, wird's noch immer das "Ding" geben, das dahinter steht. Und er sagt am Ende: "Let's go, get the thing!"

Die "black community" ist eine "sichtbare" Gruppe, der es um Nichtdiskriminierung und nicht-klischeehafte Wahrnehmung geht. Wenn ich aber etwa an Lesben und Schwule denke, die politisch und sozial "sichtbar" werden wollen, manifestieren sich da zwei entgegengesetzte Wege. Hier eine Gruppe, die aufgrund eines sichtbaren Merkmals (Hautfarbe) stigmatisiert wird, und da eine Gruppe, die sichtbar werden möchte, mit der eigenen Differenz (sexuelle Orientierung). Welche Rolle spielt für dich, in diesem Kontext, der Differenzbegriff?
Das ist ein sehr interessantes Thema, weil unsere Erfahrung stark geprägt ist von der Diskrepanz zwischen extremer Sichtbarkeit, die eine Auswirkung des Rassismus ist, und extremer Unsichtbarkeit auf einer bestimmten Ebene. Wir sind unsichtbar, wenn es etwa um Geschichte oder um schwarze Menschen als Staatsbürger und Staatsbürgerinnen geht. Und es gibt auch diese besondere Unsichtbarkeit, daß wir Schwarze in gewisser Weise einfach nicht existieren. Das beginnt schon in der Sprache. "Schwarz" ist hierzulande die ÖVP, sie produziert Slogans wie "Stark.Schwarz.Weiblich." Ich glaube, in bestimmten Kontexten wäre das nicht möglich; es wäre nicht möglich, daß die Republikaner in den USA mit "stark und schwarz" Werbung machen könnten – weil dort schwarze Menschen präsent sind und das Wort damit eine "schwarze Geschichte" trägt. Es gibt in Österreich Solarien, die mit "black power" werben. Das zeigt unsere komplette Unsichtbarkeit als schwarze Menschen. Auf der anderen Seite sind wir im öffentlichen Raum durch die Kriminalisierung und sexistische Exotisierung extrem sichtbar. Was hier auch zutage tritt, ist, daß mittlerweile auch unsere Diskriminierung sichtbar wird, daß sie bis in die Mainstream-Medien vorgedrungen ist. Natürlich sind es die plakativen rassistischen Diskriminierungen, die in die Öffentlichkeit getragen werden: wenn die Polizisten auf einen Schwarzen einschlagen usw. All die subtileren Formen und, was vor allem schwarze Frauen betrifft, die Kombination von Rassismus und Sexismus – das sind Diskriminierungsmuster, die sich nicht eignen, plakativ in die Öffentlichkeit getragen zu werden.

Folgt daraus, daß es für die "black community" wichtig ist, die Differenz in diese Bereiche zu verlagern, in denen sie "unsichtbar" ist?
Ich spüre meine eigene Unsichtbarkeit sogar in der anti-rassistischen Szene hier sehr oft, wenn z.B. von Frauen die Rede ist und nur weiße Frauen gemeint werden. Das ordnet unsere Erfahrungen in die Erfahrung der gesamten afrikanischen Diaspora ein. Es gibt z.B. diesen berühmten Titel "All the Women are White, All the Blacks are Men, But Some of Us Are Brave"1; oder den Buchtitel von bell hooks mit dem Ausspruch von Sojourner Truth – die als schwarze Frau für die Emanzipation gekämpft hat, noch in der Zeit der Emanzipation von der Sklaverei –, die in einer Sitzung aufgestanden ist und gesagt hat: "Ain't I a woman?".2 Es sind hier Mechanismen am Werk, die in der österreichischen Situation österreich-spezifisch ablaufen, aber uns auch allgemein einordnen. In dieser Unsichtbarkeit geht es um die Unsichtbarkeit einer ganz spezifischen Differenz, und dieses Gleichmachen bedeutet unsere Auslöschung.

"Differenz" ist ein Begriff, der sowohl emanzipatorischen Zwecken dienen kann, als auch Ausschlußmechanismen nach sich zieht, wie etwa im neo-rassistischen Slogan "Recht auf Differenz".
Ich habe ein Problem mit dem Festmachen der Differenz; mir geht es einfach um die Spezifizierung, um die Darlegung der speziellen Erfahrungen. Die Gleichmacherei impliziert einen gewissen imperialen Anspruch – und damit auch Gewalt. Mir geht es nicht darum, biologische Differenzen zu zementieren, sondern Unterschiede in der Erfahrung klar zu machen.

Differenz sollte also hauptsächlich auf Erfahrungen beruhen.
Für mich schon. Die Situation von schwarzen Frauen in der afrikanischen Diaspora ist eine andere als jene von weißen Frauen; es gibt nicht ohne Grund einen schwarzen Feminismus, weil er eine spezifische Erfahrung darlegt und es auch wichtig ist, diese anzuerkennen, um dann gemeinsam kämpfen zu können; Mann und Frau können nur solidarisch sein, wenn die spezifischen Diskriminierungsmuster bekannt sind. Und die sind sehr oft versteckt und bleiben versteckt, wenn die Dinge mit Gewalt gleichgemacht werden.

Bewegungen, die ihre Differenz ausformulieren und um diese Differenz herum eine Identität bilden, wurden in den letzten Jahrzehnten unter "Identitätspolitik" subsumiert. Gilt das auch für Pamoja?
Das ist die Ausgangslage, eine ganz bewußte politische Positionierung. Wenn ich mich als "Schwarz" definiere, handelt es sich dabei um einen politischen Begriff und nicht um einen biologischen. Durch diese Definition solidarisiere ich mich mit zwei Drittel der Weltbevölkerung, deren Hautfarbe nicht weiß, deren Herkunft nicht westlich-europäisch und deren Religion nicht christlich ist. Als schwarze Menschen afrikanischer Herkunft sind wir alle – jeder und jede von uns – aufgrund unserer Erfahrung hier individuell gezwungen, uns mit der Inferiorisierung unserer Existenz auseinanderzusetzen und eigene Antworten zu finden – das ist der individuelle Überlebenskampf. Sich darüber hinaus zu solidarisieren, bedeutet eine politische Positionierung.

Es geht also nicht um kulturell oder biologisch verfaßte Identitäten.
Genau, das ist der Hauptpunkt. Nehmen wir z. B. den Begriff "Schwarz", wie er sich in Südafrika entwickelt hat. Es gab dort eine Abstufung von verschiedenen Menschen, wie "colored people", "Asian people" etc. Durch die gemeinsame Definierung als "Schwarz" wurde es möglich, gemeinsam gegen Apartheid zu kämpfen, sich zu solidarisieren und nicht dem "Teile und herrsche" der Mächtigen nachzugeben. Dasselbe sieht man in England, wo "Schwarz" als politischer Kampfbegriff von allen verwendet wird, die rassistisch diskriminiert werden. Es ist wichtig, für die deutschsprachige Situation zu definieren, wer politisch schwarz ist. Es gibt beispielsweise einen Sammelband mit dem Titel "Schwarze Frauen dieser Welt", in dem auch türkische, jüdische und schwarze Frauen afrikanischer Herkunft schreiben. Türken und Türkinnen wären in der britischen Situation nicht unbedingt "black". In Österreich und Deutschland aber schon. Das entscheidende Moment ist, daß ein Gesamtzusammenhang erkannt wird und eine Solidarisierung einsetzt.

Interview: Hakan Gürses

 


1 Gloria T. Hull / Patricia Bell Scott / Barbara Smith (eds.): All the Women are White, All the Blacks are Men, But Some of Us Are Brave: Black Women's Studies. The Feminist Press at The City University of New York, NY1982 (Anm. d. Red.).

2 Das 1981 erschienene Buch der afro-amerikanischen Philos ophin und Literaturwissenschafterin bell hooks trägt den Titel "Ain't I A Woman: Black Women and Feminism". Sojourner Truth (1797-1883) hielt ihre berühmt gewordene Rede "Ain't I a Woman?" im Jahr 1851 in "Women's Convention" in Akron/Ohio (Anm. der Red.).

 

Araba Evelyn Johnston-Arthur, 1974 in Wien geboren, beschloß während ihrer Schulzeit aufgrund ihrer Erfahrungen in der Schule, Afrikanistik zu studieren. Nach der Matura besuchte sie ein Jahr die University of Ghana Legon, setzte das Studium der Afrikanistik mit der Fächerkombination Politikwissenschaft, Soziologie und Jus in Wien fort; es folgte ein Austauschjahr in London, an der School for African Studies. Nach ihrer Rückkehr wurde sie Mitbegründerin von Pamoja – Bewegung der jungen Afrikanischen Diaspora in Österreich. Sie arbeitet in Frauen Aktiv, einer Einrichtung der Wiener Jugendzentren der Stadt Wien. Ihre wissenschaftlichen Interessensgebiete sind die afrikanische Diaspora in Österreich und die schwarze österreichische Geschichte, worüber sie auch derzeit ihre Diplomarbeit schreibt.