STIMME von und für Minderheiten # 57

Der Schwarzenbergplatz, die Demokratie und die Hymne

von Erwin Riess

     
 

Eines Tages traf der Dozent Groll auf dem Schwarzenbergplatz. Er stieg vom Rad ab und geleitete Groll, der den Platz fotografierte, über die verschiedenen Fahrspuren. Dabei entspann sich folgendes Gespräch.

"Mir ist zu Ohren gekommen, dass die österreichischen Minderheiten sich Hymnen gegeben haben", sagte der Dozent. "Ist das nicht seltsam?"

"Ich wüsste nicht, warum", antwortete Groll und legte einen neuen Film in die Kamera ein.

"Sie wissen doch, wozu Hymnen dienen, zur Verherrlichung von Nationen", erwiderte der Dozent. "Lesen Sie sich doch einmal die Texte der verschiedenen Nationalhymnen durch und hören Sie dazu die Musik, die meist von Pathos, Gewalttätigkeit und Sentimentalität trieft, und Sie erkennen in den Hymnen eine besonders widerliche Form der nationalen Besoffenheit. Es ist zum Verzweifeln, wenn auch diskriminierte Minderheiten unter diesem Wahn leiden. Die Schwulen und Lesben sind doch keine Nation! Ja nicht einmal die ethnischen Minderheiten begreifen sich in Österreich als Angehörige der slowenischen oder kroatischen oder der Roma-Nation, sondern als Angehörige der österreichischen Nation mit kroatischer, slowenischer oder Romanes-Muttersprache. Und die behinderten Menschen sind erst recht keine Nation, oder haben Sie schon von einer Nation der Gehörlosen gehört? Oder die Nation der Blinden und Sehschwachen bei einem Fahneneid gesehen?"

"Die behinderten Menschen werden sich doch wohl nicht auch eine Hymne gegeben haben?" erwiderte Groll.

"Doch!"

"Das ist kühn. Zu welcher Melodie?"

Der Dozent seufzte schwer. "Sie werden es nicht glauben. Die Hymne der behinderten Menschen wird zur Melodie der einstigen Kaiserhymne gesungen."

Groll dachte kurz nach und sagte dann: "Gute Idee!"

Der Dozent war verblüfft. Wie Groll zu diesem Urteil komme? Reiche der Mief der Nationen nicht? Müsse auch noch der Hautgout der Legitimisten mitschwingen?

Er solle nachdenken, beschied Groll dem Dozenten. Die Kaiserhymne sei mitnichten eine Nationalhymne, sondern eine Hymne auf die Dynastie. Neben der Hymne der untergegangenen Sowjetunion und des in Zerfallskriegen verlöschten Jugoslawiens sei die Kaiserhymne die bedeutendste Hymne nicht nur eines Vielvölkerstaats, sondern eines Vielnationenstaats. Genauer, eines Staats mit einer Dynastie und vielen Nationen. Nie habe es eine von Nationalismen freiere Hymne gegeben. "Außerdem stammt die Melodie vom Westungarn Ferenc Haydn aus Rohrau am Kuruzzenwall", ergänzte Groll.

"Aber sie verherrlicht die Dynastie!" rief der Dozent.

"Die politisch nicht mehr existiert", entgegnete Groll. "Überlegen Sie doch einmal, was heutzutage für die Dynastie steht."

"Die Parteien?" Der Dozent hielt Groll zurück, der bei Rot eine Kreuzung überqueren wollte.

"Unsinn", sagte Groll.

"Der Staatspräsident?"

"Auch falsch. Er wird von den Parteien aufgestellt."

Der Dozent dachte nach. "Die Kirche kann es nicht sein", sagte er nach einer Weile. "Der österreichische Fußballbund auch nicht. Vielleicht der Skiverband? Er ist erfolgreich. Bei Weltmeisterschaften belegen die heimischen Sportler unter zwei teilnehmenden Nationen immer wieder vordere Plätze."

"Sie sind ein Kleingeist", sagte Groll und machte sich auf den Weg, denn die Fußgängerampel hatte geschaltet. Der Stellvertreter der Dynastie sei heutzutage die Demokratie, rief er dem Dozenten, der das Rad neben Groll herschob, über die Schulter zu.

"Die Behindertenhymne ist demnach eine Hymne auf die Demokratie?"

"Wenn der Text brauchbar ist, die Hymne einer fortgeschrittenen Demokratie. In der die Menschen ohne Angst anders sein können."

Der Dozent dachte nach und äußerte sich dahingehend, dass er weitere Überlegungen zu dieser Frage anstellen werde. Schließlich wollte er von Groll wissen, wozu dieser den Schwarzenbergplatz fotografiere. Das könne er noch nicht sagen, antwortete Groll, er sammle noch Beweismaterial. Wenn der Dozent mit seinen Überlegungen bezüglich der Behindertenhymne zu einem Ergebnis gekommen sei, werde er, Groll, mit seinen Rechercheergebnissen über den Schwarzenbergplatz herausrücken. Ob es um eine geheime Sache gehe, fragte der Dozent nach. Da legte Groll den Zeigefinger auf den Mund und sah sich vorsichtig um.

 

Die Hymne der behinderten Menschen
Erwin Riess
(Musik: Joseph Haydn)

Wir erregen, wir bewegen
Diese Welt wie's uns gefällt!
Wir gestalten, wir belegen
Diese eure unsere Welt!

Wir geschehen, wir vergehen
Ohne Zweck und ohne Lohn.
Wir verwirren, wir bestehen
Keine Angst, wer sind wir schon!

 

Erwin Riess ist Schriftsteller, langjähriger Aktivist in der Behindertenbewegung, Vorstandsmitglied der Initiative Minderheiten und STIMME-Autor. Zuletzt erschienen: "Stücke 1994-2004" (Literaturedition Niederösterreich 2004). Riess hat für das Projekt die "Hymne der behinderten Menschen" verfasst.